Für Haupt- und Ehrenamtliche in NGOs, Initiativen und Netzwerken wie spinnen-netz.de gewinnen verlässliche Strukturen, unbürokratische Räume und solidarisches Networking zunehmend an Bedeutung. Mit dem Einzug des Hauses des Engagements (HdE) in das Neue Amt Altona (Neue Große Bergstraße 3–5) hat Hamburg ein neues Kompetenzzentrum erhalten. Es versteht sich nicht nur als physische Arbeitsstätte, sondern als strategischer Schutz- und Entaltungsraum für zivilgesellschaftliche Akteure.
Der folgende Beitrag beleuchtet den gesellschaftspolitischen Rahmen, analysiert das Träger- und Governance-Modell im Kontext der Hamburger Engagementstrategie und fasst die konkreten Angebote für die tägliche Praxis der NGO-Arbeit zusammen.
1. Demokratische Eigenständigkeit statt „verlängerter Werkbank“
In den Eröffnungsreden wurde die gegenwärtige Lage der Zivilgesellschaft gewohnt scharf analysiert. Dr. Lilian Schwalb verwies auf das globale und nationale Phänomen der „shrinking spaces“ – das schleichende Verengen von Handlungs- und Beteiligungsräumen für zivilgesellschaftliche Akteure. Solche Einschränkungen beginnen oft subtil: durch verkürzte Fristen, bürokratische Überlastung, fehlende Räume oder die Tendenz, zivilgesellschaftliche Expertise lediglich als günstige Dienstleistung einzukaufen.
Vor diesem Hintergrund formulierte Schwalb eine klare Haltung: Bürgerschaftliches Engagement ist kein beliebiges Beiwerk der Demokratie. Es bildet neben Parlamenten und Verwaltungen das entscheidende Fundament einer lebendigen Gesellschaft. Die Zivilgesellschaft darf daher keinesfalls als verlängerte Werkbank des Staates oder der Kommune verstanden werden, sondern besitzt ihren eigenen, unersetzbaren Wert und Anspruch auf Selbstbestimmung. Das Haus des Engagements soll genau jener Ort sein, an dem diese Eigenständigkeit gepflegt, Freiraum geboten und Wissen vermittelt wird.
Henning Baden von der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt (DSEE) untermauerte die Notwendigkeit zugänglicher Orte mit Blick auf den Wandel der Engagementstrukturen:
- Rückgang klassischer Vereinsämter: Zwischen 1999 und 2019 sank der Anteil der Engagierten, die formelle Vorstandsaufgaben in Vereinen übernehmen, um 10,5 %.
- Zunahme informeller Initiativen: Immer mehr Menschen engagieren sich projektbezogen, spontan oder außerhalb starrer Vereinsstrukturen.
- Türsteher im Engagement abbauen: Barrieren entstehen heute meist nicht durch Personen an der Tür, sondern durch unbezahlbare Räume, kompliziertes Vereins- und Haftungsrecht, unübersichtliche Förderlogiken oder sprachliche Hürden.
Ein zentral gelegener Ort im Quartier („Our House - In the middle of the street“) mit niedrigen Zugangsschwellen ist daher essenziell, um formelle NGOs und informelle Initiativen nicht gegeneinander auszuspielen, sondern Synergien zu schaffen.
2. Das Governance-Modell: Die Hamburger Engagementstrategie
Das Haus des Engagements ist kein isoliertes Projekt, sondern zentraler Baustein und konkrete Maßnahme der Hamburger Engagementstrategie. Hamburg nimmt im Bundesländervergleich eine Vorreiterrolle ein, da seine Engagementstrategie frühzeitig und auf Augenhöhe gemeinsam mit der Zivilgesellschaft entwickelt wurde.
Das Besondere am Haus des Engagements ist seine Governance-Struktur:
- Öffentliche Anschub- und Strukturförderung: Die Freie und Hansestadt Hamburg (Sozialbehörde) verankert das Projekt in ihrer Strategie und hinterlegt konkrete Haushaltsmittel für den laufenden Betrieb.
- Zivilgesellschaftliche Ownership: Die inhaltliche Ausgestaltung, die Raumverwaltung und die strategische Führung liegen vollständig bei einem zivilgesellschaftlichen Trägerverbund.
- Verwaltungs- und Institutionsübergreifendes Handeln: Das Vorhaben entstand durch die enge Zusammenarbeit von engagierten Personen aus Verwaltung und freier Szene, die bürokratische Grenzen überwunden haben.
Diese Verbindung aus öffentlicher Finanzierung und zivilgesellschaftlicher Eigenverantwortung ermöglicht eine verlässliche Infrastruktur, ohne die Autonomie der Nutzerinnen und Nutzer einzuschränken.
3. Das Trägernetzwerk: Verbundene Kompetenzen
Getragen und gestaltet wird das Haus des Engagements von zwei zentralen Säulen der Hamburger Zivilgesellschaft sowie starken Kooperationspartnern vor Ort:
- AKTIVOLI-Landesnetzwerk Hamburg e.V.: Als Dachverband bündelt AKTIVOLI rund 55 Mitgliedsorganisationen – von großen Wohlfahrtsverbänden über Bücherhallen, Stadtteilzentren und Inklusionsbetriebe bis hin zu kleineren Jugend- und Kulturvereinen. Das Landesnetzwerk bringt die gesamte Bandbreite praktischer Engagementerfahrung ein und verantwortet die inhaltliche Koordination sowie die Vernetzungsarbeit.
- BürgerStiftung Hamburg: Die Stiftung bringt ihre Expertise zur Fördermittelbeschaffung, Gefährdungsanalyse und Strukturstärkung ein. Sie zeichnet unter anderem für das Raummanagement und die Ansiedlung des Engagement Docks verantwortlich.
- Betreiber- & Raumkooperation (betahaus Hamburg & Neues Amt Altona): In Kooperation mit dem betahaus (Geschäftsführer Robert Boldt) und der Genossenschaft Neues Amt Altona wird professionelles Co-Working-Know-how mit gemeinwohlorientierter Raumnutzung zusammengeführt. Dadurch wird soziales und ökologisches Engagement direkt in kreative Arbeitsumfelder eingebettet, ohne dass Initiativen unter kommerziellem Refinanzierungsdruck stehen.
- Die Angebote des Hauses im Überblick
Für die tägliche Praxis von NGO-Personal, Projektkoordinationen und Netzwerken wie spinnen-netz.de stellt das Haus des Engagements ein breites Portfolio an Ressourcen bereit:
- Co-Working & Arbeitsplätze: Kostenfreie und günstige Schreibtisch-Arbeitsplätze inklusive WLAN und Infrastruktur für Initiativen, die sich kein eigenes Büro leisten können oder von aktuellen Förderkürzungen betroffen sind.
- Raumbuchung & Raummanagement: Flexibel nutzbare Besprechungs-, Workshop- und Veranstaltungsräume für Teams, Vorstände und öffentliche Formate – nutzbar an Werktagen sowie an Abenden und Wochenenden.
- Alternative Räume in Hamburg: Falls die Kapazitäten im Haus ausgebucht sind, bietet das Team eine Orientierung und Vermittlung zu weiteren günstigen Raumangeboten im Hamburger Stadtgebiet.
- Fördermittel- & Antragsberatung (Engagement Dock): Das bei der BürgerStiftung angesiedelte Engagement Dock berät unkompliziert zu öffentlichen Fördermitteln (Land, Bund, EU) sowie Stiftungsgeldern und unterstützt beim Verfassungs- und Antragswesen nach dem Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“.
- Qualifizierung & Fortbildung (AKTIVOLI-FreiwilligenAkademie): Praxisnahe Workshops, Weiterbildungsangebote und Zugang zum Qualifizierungsfonds zur fachlichen Stärkung von Haupt- und Ehrenamtlichen.
- Veranstaltungen & Networking: Regelmäßige Fachtage, Austauschformate und Community-Treffen zur synergetischen Vernetzung über Sektorengrenzen hinweg.
- Community-Plattform: Möglichkeit zum Fachaustausch und zur kollegialen Beratung innerhalb des Hamburger Netzwerks.
- Infomaterial & Newsletter: Zur laufenden Information steht das Abonnieren des HdE-Newsletters sowie der direkte Download des offiziellen HdE-Flyers (PDF) zur Verfügung.
5. Mehrwert für NGO-Netzwerke und spinnen-netz.de
Für Multiplikatorinnen und Netzwerke bietet die Infrastruktur in Altona konkrete Ansatzpunkte:
- Auffangen von Notständen: Wenn Projektförderungen auslaufen oder gekürzt werden, bietet das HdE Übergangsarbeitsplätze und Raumkapazitäten, damit Initiativen arbeitsfähig bleiben.
- Brücke zwischen Haupt- und Ehrenamt: Durch die Präsenz von Fachberaterinnen (z. B. für Fördermittel oder Freiwilligenmanagement) werden Ehrenamtliche entlastet und Hauptamtliche in der Antragstellung unterstützt.
- Zufällige Synergien an der Kaffeemaschine: Wie in der Entstehungsgeschichte des Hauses deutlich wurde, entstehen die nachhaltigsten Kooperationen und neuen Projektideen oft durch informelle Begegnungen in den Gemeinschaftsbereichen.
- Leuchtturm-Wirkung für ganz Hamburg: Das Haus versteht sich als Knotenpunkt, der eng mit anderen Stadtteilzentren und Initiativenräumen in ganz Hamburg vernetzt ist, um Ressourcen stadtweit besser zu verteilen.
Adresse & Kontakt:
Haus des Engagements, c/o Neues Amt Altona, Neue Große Bergstraße 3–5, 22767 Hamburg.
E-Mail Coworking: info@hde-hamburg.org | E-Mail Raumbuchung: raumbuchung@hde-hamburg.org. https://hde-hamburg.org